Digitale Unmündigkeit: Warum Österreich KI fürchtet, statt sie zu verstehen

73 Prozent der Österreicher:innen haben kaum KI-Wissen, 46 Prozent stehen der Technologie negativ gegenüber. Doch wer KI versteht, fürchtet sie nicht. Eine Analyse über digitale Unmündigkeit.

Digitale Unmündigkeit: Warum Österreich KI fürchtet, statt sie zu verstehen
Der digitale Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer: Wenn 73% nicht verstehen, regiert die Angst. © Marjan Milosavljević, 2026.
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

So schrieb Immanuel Kant 1784 in seiner berühmten Abhandlung zur Aufklärung. 240 Jahre später steht eine Technologie im Raum, die ähnlich fundamentale Fragen aufwirft wie einst die Druckerpresse oder die Dampfmaschine. Und eine Erhebung der Statistik Austria liefert eine verblüffende Diagnose: 73 Prozent der österreichischen Bevölkerung verfügen nach eigener Einschätzung über wenig bis gar kein Wissen über Künstliche Intelligenz. 46 Prozent stehen der zunehmenden Nutzung von KI negativ gegenüber. Nur 35 Prozent bewerten sie positiv.

Die naheliegende Interpretation: Österreich ist skeptisch. Vorsichtig. Kritisch gegenüber dem Hype. Doch die Daten erzählen eine andere Geschichte. Denn dieselbe Erhebung zeigt: Von jenen, die ihr KI-Wissen als gut einschätzen, bewerten 78 Prozent die Technologie positiv. Die Skepsis verschwindet, sobald Verständnis einsetzt. Was bleibt, ist eine unbequeme Erkenntnis: Österreichs KI-Skepsis ist nicht das Ergebnis kritischen Denkens. Sie ist das Ergebnis von dessen Abwesenheit.

Anatomie der Ahnungslosigkeit

Die Zahlen der Statistik Austria verdienen eine genauere Betrachtung. Von den 5.774 befragten Personen gaben nur fünf Prozent an, über sehr viel Wissen zu KI zu verfügen. 22 Prozent schrieben sich viel Wissen zu. Der Rest, also fast drei Viertel der Bevölkerung, ordnete sich in die Kategorien „wenig“ oder „sehr wenig“ ein. Fünf Prozent hatten noch nie von Künstlicher Intelligenz gehört.

Aufschlussreicher noch sind die Gründe, die Nicht-Nutzer:innen für ihre Abstinenz angeben. 86 Prozent sagen schlicht: kein Bedarf. Nicht Datenschutzbedenken, nicht ethische Vorbehalte, nicht die Sorge vor Jobverlust. Kein Bedarf. Das ist keine Abwägung. Das ist Desinteresse. Kant hätte es „Faulheit und Feigheit“ genannt.

Die Parallele zur Gegenwart ist frappierend. Warum sich mit KI beschäftigen, wenn andere das für einen tun. Warum verstehen, was man auch ignorieren kann. Die Bequemlichkeit der Unmündigkeit hat sich nicht verändert. Nur ihr Gegenstand.

Kosten der Bequemlichkeit

Unmündigkeit ist kein kostenloses Privileg. Implement Economics hat für Österreich berechnet, was auf dem Spiel steht: Das theoretische Produktivitätspotenzial durch generative KI beläuft sich auf 35 bis 40 Milliarden Euro jährlich, was etwa acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Bei der aktuellen Adoptionsrate wird Österreich davon sechs bis acht Milliarden realisieren. Die Differenz: rund 30 Milliarden Euro pro Jahr. Nicht als einmaliger Verlust, sondern als strukturelles Defizit, das sich Jahr für Jahr akkumuliert.

McKinseys „State of AI in Austria 2025“ bestätigt das Bild. Der KI-Reifegrad österreichischer Unternehmen liegt bei 30 von 100 Punkten, unter dem EU-Durchschnitt von 34 und dem globalen Durchschnitt von 36. 68 Prozent der österreichischen Unternehmen befinden sich in den unteren 40 Prozent des weltweiten Rankings. Viele Firmen verfügen weder über eine klare KI-Roadmap noch über definierte KPIs zur Messung von KI-Nutzen. 80 Prozent haben keine ausformulierte KI-Strategie, 61 Prozent berichten von minimaler oder keiner Produktivitätssteigerung durch KI.

Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für Europa insgesamt einen kumulativen Produktivitätsgewinn durch KI von gerade einmal 1,1 Prozent über fünf Jahre. Während Dänemark mit 42 Prozent KI-Nutzung in Unternehmen vorangeht, Finnland mit 38 Prozent folgt und Schweden mit 35 Prozent, diskutiert Österreich noch, ob es diese Technologie überhaupt braucht. Wer zu spät kommt, den bestraft nicht das Leben. Den bestraft die Produktivitätsstatistik.

Legende von der klugen Vorsicht

An dieser Stelle meldet sich regelmäßig ein Einwand: Europas Zurückhaltung sei keine Schwäche, sondern Stärke. Das Vorsorgeprinzip in Aktion. Kluge Skepsis gegenüber einer Technologie, deren Risiken noch nicht vollständig verstanden sind.

Das Argument klingt plausibel. Es ist nur leider falsch. Das Vorsorgeprinzip setzt voraus, dass potenziell gefährliche Auswirkungen identifiziert wurden und eine wissenschaftliche Bewertung das Risiko nicht mit ausreichender Sicherheit bestimmen lässt. Man muss verstehen, was man abwägt.

Wie wenig diese Vorsicht tatsächlich auf informierter Abwägung beruht, zeigt der Blick auf die Gründe, die Nicht-Nutzer:innen selbst angeben. 48 Prozent nennen Datenschutzbedenken, 37 Prozent ethische Bedenken, 40 Prozent Qualitätszweifel. Doch 43 Prozent geben zugleich an, nicht zu wissen, wie man KI-Tools verwendet. 24 Prozent wussten nicht einmal, dass solche Tools existieren. Das ist keine reflektierte Regulierungskultur. Das ist Rationalisierung von Ahnungslosigkeit.

Pflicht ohne Befähigung

Seit über einem Jahr gilt Artikel 4 des EU AI Act verbindlich. Er verpflichtet Unternehmen, nach besten Kräften sicherzustellen, dass alle Personen, die KI-Systeme entwickeln oder nutzen, über ausreichende KI-Kompetenz verfügen. Unternehmen müssen Maßnahmen ergreifen, um diese Kompetenzen zu vermitteln.

Doch die Befähigung bleibt hinter der Pflicht zurück. Zwei Drittel der österreichischen Beschäftigten sehen laut EY-Erhebung Schulungsdefizite. Cedefop berichtet, dass 44 Prozent der EU-Arbeitnehmer:innen nicht glauben, dass ihr Arbeitgeber ihnen die notwendige KI-Schulung bieten wird. 41 Prozent geben an, eine KI-Qualifikationslücke zu haben.

Der Staat verordnet Kompetenz in ein strukturelles Vakuum hinein. Wer definiert unter diesen Umständen, was KI-Kompetenz bedeutet. Wer prüft sie. Wer vermittelt sie. Die Pflicht ist klar. Die Umsetzung bleibt diffus.

Aufklärung als Pflicht

Kants Diagnose bleibt aktuell. Österreich mangelt es nicht am Verstand. Österreich liegt beim Anteil der Bevölkerung mit grundlegenden digitalen Kompetenzen über dem EU-Durchschnitt von 55,6 Prozent; 2023 verfügten rund 64,7 Prozent der Österreicher:innen über zumindest grundlegende digitale Fähigkeiten. Die Infrastruktur ist vorhanden. Die Ressourcen sind da.

Was fehlt, ist Entschließung. 86 Prozent sagen „kein Bedarf“, weil Bedarf Auseinandersetzung bedeutet. Auseinandersetzung bedeutet Anstrengung. Anstrengung bedeutet das Ende der Bequemlichkeit.

Wer KI versteht, fürchtet sie weniger. Wer sie fürchtet, ohne sie zu verstehen, delegiert Entscheidungen an jene, die investieren, während andere zögern. An jene, die gestalten, während andere regulieren.

Kant schrieb, sein Zeitalter sei nicht aufgeklärt, aber ein Zeitalter der Aufklärung. Die Bedingungen seien geschaffen, der Weg sei offen. Dasselbe gilt für Österreich und KI. Die Werkzeuge sind verfügbar. Das Wissen ist zugänglich. Was fehlt, ist der erste Schritt.

Sapere aude, Österreich. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Marjan Milosavljević, 18.02.2026

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