Imitation Journal

Zwischen Sprache, Macht und Maschine

Die Antiquierten: Warum eine Generation sich optimierte, um überflüssig zu werden

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Die Antiquierten: Warum eine Generation sich optimierte, um überflüssig zu werden

Unscharfe, verschwimmende Figuren vor einem Bildschirm, im Stil verwischter Fotorealismus. Menschen werden unscharf, die Technik bleibt scharf. © Marjan Milosavljević, 2026.

Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass Maschinen menschlicher werden. Vielleicht ist es, dass Menschen maschinenförmig geworden sind.

Im April 2026 veröffentlichte das Stanford Institute for Human-Centered AI seinen jährlichen Index. 500 Seiten Daten über den Stand der künstlichen Intelligenz. Eine Zahl daraus wird bleiben: Die Beschäftigung von Software-Entwickler:innen zwischen 22 und 25 Jahren ist seit 2024 um fast 20 Prozent eingebrochen. Nicht insgesamt. Nur bei den Jungen. Ihre älteren Kolleg:innen wuchsen im selben Zeitraum um 6 bis 12 Prozent. Das Muster wiederholt sich in der Kundenbetreuung, in der Buchhaltung, im Marketing. Überall dort, wo KI das replizieren kann, was Berufseinsteiger:innen mitbringen: Lehrbuchwissen, Standardprozesse, vorhersagbare Aufgaben.

Das ist keine Prognose. Das ist bereits Statistik.

Man könnte das als technologischen Wandel beschreiben. Als Strukturanpassung. Als Übergangsphänomen. Aber solche Begriffe verschleiern, was hier geschieht. Eine Gesellschaft hat einer Generation gesagt: Passt euch an. Lernt programmieren. Werdet digital. Sie hat sich angepasst. Sie hat programmiert. Sie ist digital geworden. Und genau diese Anpassung machte sie ersetzbar.

Günther Anders nannte das, was hier sichtbar wird, die „Antiquiertheit des Menschen". Der Mensch, schrieb er 1956, bleibt hinter seinen eigenen Produkten zurück. Nicht weil er versagt. Sondern weil das, was er erschafft, ihn selbst überholt. Die Maschine ist präziser, schneller, billiger. Und der Mensch, der sie bedient, wird zum schwächsten Glied in einer Kette, die er selbst geschmiedet hat.

Anders prägte dafür einen Begriff, der heute, siebzig Jahre später, eine Aktualität besitzt, die er selbst vielleicht nicht für möglich gehalten hätte: die Prometheische Scham. Das Gefühl, den eigenen Produkten unterlegen zu sein. Nicht moralisch. Nicht intellektuell. Sondern funktional. Die Maschine macht keine Fehler. Sie braucht keinen Schlaf. Sie verlangt kein Gehalt. Und sie reproduziert exakt das, was junge Entwickler:innen auf den Markt bringen: sauberen Code nach bekannten Mustern.

Die Stanford-Studie zeigt, dass KI die Produktivität in der Softwareentwicklung um 26 Prozent steigert. Gleichzeitig sinkt die Beschäftigung genau jener, deren Arbeit automatisiert wird. Das ist kein Widerspruch. Das ist Logik. Produktivitätsgewinn und Beschäftigungsverlust sind nicht zwei verschiedene Phänomene. Sie sind dasselbe Phänomen, betrachtet von zwei Seiten.

Und hier zeigt sich, was die Statistik nicht sagt, aber Anders' Philosophie vorwegnimmt: Es geht nicht darum, dass Menschen weniger können als Maschinen. Es geht darum, dass sie gelernt haben, wie Maschinen zu arbeiten. Standardisiert, effizient, reproduzierbar. Eine ganze Bildungspolitik hat darauf hingearbeitet. Curricula wurden auf den Markt ausgerichtet. Abschlüsse auf Verwertbarkeit optimiert. Kompetenzen auf messbare Ergebnisse reduziert. Das Ergebnis ist eine Generation, die perfekt auf eine Arbeitswelt vorbereitet wurde, die es so nicht mehr geben wird.

Byung-Chul Han beschreibt diese Dynamik als Selbstausbeutung. Der moderne Mensch, schreibt er, braucht keinen externen Antreiber mehr. Er optimiert sich freiwillig. Er arbeitet nicht, weil er muss, sondern weil er glaubt, sich verwirklichen zu können. Doch was als Freiheit erscheint, ist eine subtilere Form der Unterwerfung. Die Anpassung an den Markt wird zur Identität. Und wenn der Markt sich ändert, bricht nicht nur der Arbeitsplatz weg. Es bricht das Selbstbild.

Das unterscheidet die aktuelle Disruption von früheren Umbrüchen. Als die Textilindustrie mechanisiert wurde, verloren Weber:innen ihre Arbeit. Aber sie verloren nicht die Überzeugung, dass manuelles Können einen Wert hat. Als die Fließbandproduktion kam, wurden Arbeiter:innen austauschbar. Aber sie wussten, dass sie austauschbar gemacht wurden. Die heutige Generation hat sich freiwillig optimiert. Sie hat getan, was man ihr empfohlen hat. Sie hat das System nicht in Frage gestellt. Sie hat es getragen. Und jetzt stellt das System sie in Frage.

Ein Drittel der befragten Unternehmen erwartet, dass KI ihre Belegschaft im kommenden Jahr weiter reduzieren wird. Die geplanten Kürzungen übersteigen die bereits vollzogenen. Die Disruption ist nicht vorbei. Sie hat begonnen. Und sie trifft nicht alle gleich. Sie trifft jene, die am anpassungsfähigsten waren. Die, die am besten funktioniert haben.

Anders schrieb, der Mensch befinde sich in einer Krise, die er nicht als Krise erkenne, weil er sie als Fortschritt missverstehe. Die Maschine wird besser. Die Produktivität steigt. Die Wirtschaft wächst. Alles deutet auf Erfolg. Aber unterhalb der Oberfläche verschwindet etwas: die Vorstellung, dass menschliche Arbeit einen Wert hat, der über ihre Funktion hinausgeht.

Wenn ein junger Entwickler sauberen Code schreibt und eine Maschine denselben Code schneller, billiger und fehlerfreier produziert, dann ist die Frage nicht, ob der Entwickler besser werden muss. Die Frage ist, ob „besser" hier noch eine sinnvolle Kategorie ist. Ob es einen Punkt gibt, an dem Optimierung aufhört, eine Lösung zu sein, und anfängt, das Problem zu sein.

Die Prometheische Scham, von der Anders spricht, ist nicht die Scham des Versagens. Es ist die Scham der Unterlegenheit gegenüber dem eigenen Produkt. Die Maschine ist nicht der Feind. Sie ist das, was der Mensch aus sich selbst heraus geschaffen hat. Und sie ist besser. Nicht klüger. Nicht weiser. Aber besser funktionierend. Und in einer Welt, die Funktion zum höchsten Wert erhoben hat, gibt es für diesen Unterschied keinen Trost.

Das System verlangt Anpassung. Es belohnt Effizienz. Es feiert Optimierung. Und es entsorgt jene, die sich perfekt angepasst haben, sobald eine billigere Anpassung verfügbar ist. Das ist keine Ungerechtigkeit. Das ist Konsequenz. Die Konsequenz einer Ordnung, die den Menschen nach seiner Funktion bemisst und dann feststellt, dass die Maschine diese Funktion besser erfüllt.

Eine Gesellschaft, die ihre jungen Menschen auf Verwertbarkeit trimmt, muss sich nicht wundern, wenn sie verwertet und dann verworfen werden. Das ist kein Versagen der Technologie. Das ist ein Versagen der Vorstellung davon, was Arbeit ist, was Bildung soll und was ein Mensch wert ist, wenn er aufhört zu funktionieren.


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